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Immer an der Wand lang

Dienstag, 01.10.2019 um 08:44 Uhr

Anzeige In der Weltkulturerbestadt Neuf-Brisach im Elsass zeigt das Museum Mausa Street-Art hinter dicken Mauern

Die Welt der Street-Art hat ein heimliches Zentrum. Seit Frühjahr 2018 wird in Neuf-Brisach im Elsass diese Straßenkunst hinter meterdicken Festungsmauern ausgestellt. Dieses Museum ist so ganz anders: Hier kommt die Kunst direkt auf die Wand.

Die 1900-Seelen-Stadt Neuf-Brisach ist zwar wegen ihrer Festung seit 2008 Weltkulturerbe, doch es fehlen Geranien und Gemütlichkeit oder zumindest ein echter Point of Interest, wie es in der Fachsprache der Reiseführer heißt. Warum sollte man Neuf-Brisach besuchen? Mittlerweile gibt es einen guten Grund: Zwei völlig in die Street-Art vernarrte Menschen haben hier ein Museum mit junger Kunst gegründet. Im Musée Arts Urbains et du Street Art, oder kurz Mausa, ist Aktion auf der Wand. Nicht immer müssen es Bunker, Geisterhäuser oder Straßenzüge sein, auch eine Festung verträgt Farbe.

Das Museum ist 1200 Quadratmeter groß und befindet sich in einem Teil der Festung, die zwischen 1698 und 1704 vom Festungsbaumeister Sébastien Le Prestre de Vauban gebaut wurde. Diese nach bestem Wissen und Können erbaute und mit allen Schikanen ausgestattete Fortifikation sollte Frankreichs Eroberungen absichern. Das Museum ist anders: Zwischen Betrachter und Bild gibt es keinen Sicherheitsabstand, es brummen keine Luftentfeuchter, und Knöpfe für interaktive Spielereien sind auch nicht vorhanden. Stattdessen gibt es Rohre für den Abzug (sie sind auf dem begehbaren Grasdach zu sehen) und Bauleuchten als Lichtquellen. Die Substanz ist topp, mag der Putz zwar bröckeln, die Festung steht massiv wie ein Fels, wahrscheinlich auch noch die nächsten 300 Jahre.

Es ist um die 15 Grad Celsius warm, aber die Luft ist gut. 26 Künstler haben je einen Raum oder eine Fläche in den Gängen bekommen, um sich auszuleben. Die Bilder sind direkt auf die Wand gemalt oder gesprayt und ziehen sich sogar über die Decken, wie ein Strom aus Formen und Farben und Worten. Manche Künstler sind scheinbar überall zu finden, so hat einer mit dem schönen Namen Jaune (Gelb) Männchen mit orangenen Westen auf die Wände platziert, sie bauen und bohren, bekommen aber auch mal ein Bierserviert. Der in Colmar gebürtige Jérôme Mesnager ist in Frankreich für seine weißen Figuren bekannt, auch in Neuf-Brisach erobern sie akrobatisch die Wände.
   
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So vielfältig Malerei und Objektkunst sind, so vielfältig ist auch die Streetart. Der Brasilianer Crani malt politisch. Seine Indios im Comicstil tragen Sneakers mit drei Streifen und ziehen einen Bollerwagen mit Baum. Vögel, Geldscheine, gemalte und echte Pfeile sowie Uhren im Dalí-Stil machen es lustig, dabei ist diese bunte Welt schon seit Jahrzehnten am Verschwinden. Gleich nebenan besprayt eine Katzenfigur den Mond.

Dieser Künstler will ausdrücklich nicht politisch sein, aber natürlich könnteman auch hierzwischen den Zeilen lesen. Kurios ist das von dem Franzosen Seth gemalte Kind mit dem Hammer, das ein Loch in die Wand geschlagen hat, leider ist jetzt auch der eigene Kopf weg. Das Absurde in der Kunst ist hier genauso zuhause wie das Zitat, Micky Maus, Sponge Bob und Audrey Hepburn lassen grüßen. Sogar der Festungsbaumeister ist zu sehen: Christian Guemy alias C215 hat Vauban als freundlichen Hausherrn im Andy-Warhol-Stil verewigt.

Wer durch die Gänge spaziert, wird oft über dieses und jenes gedanklich stolpern und vielleicht lächeln, zum Beispiel über den Arbeitstisch eines Künstlers. Das Klischee wird bestätigt, Künstler sind anders ordentlich, aber dafür sind sie halt Künstler. Künftig soll sich das Mausa stetig vergrößern, Platz ist genug da. Pascal Cames

MAUSA, Place de la Porte de Belfort, Neuf-Brisach. Geöffnet Dienstag bis Sonntag, 11 bis 19 Uhr, Eintritt 10 Euro, ermäßigt 8 Euro. Freitags und samstags finden im Zentrum von Neuf-Brisach Märkte statt. Infos im Internet unter mausa.fr.
   

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