„E Gfüehl vo Geborgeheit un Glück“ - Markus Manfred Jung

Mittwoch, 12.05.2021 um 09:44 Uhr

Anzeige Muetterschprooch un Vatterschprooch – Wie steht es um den Dialekt?

Markus Manfred Jung und sein aktuelles Buch FOTO: ROSWITHA FREY

Mittwoch, 12.05.2021 um 09:44 Uhr

Einer, der sich leidenschaftlich für die alemannische Sprache einsetzt, ist Markus Manfred Jung.In seinem 2020 im Drey-Verlag erschienenen Glossenband „Wenn i e Rebschtock wär“ beschäftigt sich der Wiesentäler Autor mit dem Status der Mundart. Hier ein Auszug aus dem darin enthaltenen Essay „Muetterschprooch un Vatterschprooch – Wie steht es um den Dialekt?“

Ohne genaue Untersuchungen darüber angestellt zu haben, möchte ich wetten, dass die Sprachentwicklung in den letzten Jahrzehnten ungefährso gelaufen ist: Sprachen vor 30 Jahren noch fast alle einheimischen Kinder selbstverständlich Alemannisch und Zugezogene lernten diese Variante möglichst schnell, um dazuzugehören, ist diese Notwendigkeit heute nicht mehr gegeben, ja, eine Umkehrung hat stattgefunden. Alle Kinder, die im Elternhaus noch Alemannisch als Erstsprache mitbekommen haben, es könnten auf dem Land noch die Mehrheit sein, sieht sich durch den Einfluss der immer dominanter gesprochenen Schriftsprache genötigt, möglichst schnell Standarddeutsch nicht nur lesen zu können, sondern auch zu sprechen. Vor allem der Einfluss der medialisierten Kommunikation, aber auch der von Erziehungsinstitutionen wie Kindergarten, Grund- und vor allem weiterführenden Schulen scheinen dieszu erzwingen. Meine-Gedanken dazu, abwechselnd in beiden Sprachvarianten dokumentiert, möchten die Leserinnen und Leser dazu auffordern, ihr Sprachverhalten zu hintersinnen. Immerhin haben wir im Moment einen „Landesvater“, der extra eine Dialekttagung in Stuttgart angesetzt und in seiner Grundsatzrede gefordert hat, die Diskriminierung der Dialekte, vor allem im Bildungssystem und bei den öffentlich-rechtlichen Medien, müsse endlich aufhören. Der moderne Mensch sei lokal verwurzelt (Dialekt), national verankert (Standard) und global vernetzt (Fremdsprache). Wer wott, dass unsiKultur un unsi Alemannischi Sprooch soll wiiterlebe, mueß bisich selber afange. Wenn gschiiti Lüt öbbis Gschiits uf Alemannisch sage chönne, no wirkt des wiiter, welewäg!   

Muetterschprooch un Vatterschprooch

Wer des Glück hät, in re Familie ufzwachse, vo d Eltere zämme in die gliichi Richtig göhn un in deselbe Sprooch mit de Chinder schwätze, weiß, wie des prägt, wie des e Urvertrauen in s Lebe un e gwaltigi Sicherheit git. Vo do us losst sich d Welt erobere, neui Sprooche lehre, e Standardschprooch un Fremdschprooche, well im Hirni-chäschtli so Stückli für Stückli hät e Sprooch wachse dürfe, innig verbandlet mit em Herz, wo die erschte Gfüehl vo Geborgeheit un Glück hät in däre Sprooch dürfe erfahre. DAura um die urvertraute Wörter, ihre Klang, ihri Melodiifolge bliibe eim nooch, au wenn d Lebensumschtänd däzue führe, dass mer die Sprooch ämend nümmi bruuche cha spööter, well mer d Gschprööchspartner däzue verlore hät. Was git des eim für e Herzpoppere, we mer in de Fremdi uf eimool vo öbrem die eigni un eigeni Sprooch wider emool erluuschtere cha.
      

In de 60-/70er-Johr

Wie bi fascht alle miine Fründ z Lörrach un im Wisetal isch de alemannischi Dialekt d Umgangsschprooch gsi, ganz selbverschtändlich. Do hä mir nüt bruuche pflege, kei Bewusstsii däfür entwickle. S Hochdütschi isch d Schriftschprooch gsi, wo mer vom Vorlesen un Lese her guet gchennt hän, do hät s kei Problem gä. Au no nit, wo mer in de Schuel im Unterricht hän hochdütsch müeße schwätze. Erscht won is e Teil Lehrer de Dialekt madig gmacht hän, als Buureschprooch, Gosseschprooch un so, wo si is im Gymnasium unsi Sprooch hän welle verbiete, do isch s Bewusstsii gwachse däfür un unse Widerschtand. Well e paar dummi Gschiitli unsi Sprooch vernüttet hän, si mer stolz druf gworde. Dass mer dä Grattel uns hän leischte chönne, hä mer bsunders guet d Hochschprooch glehrt un die fremde Sprooche. Des Wechsle im Hirni isch is nitemoolso schwer gfalle, hä mer des doch vo Chind uf scho mit de Schwätz- un de Les-Schprooch gmacht.

Alemannischi Dichtig

Natürlich hä mer au gueti Lehrer gha, vo do, wo sich nit gschämmt hän däfür, dass si uf de eigne Basis Dialekt ihre Chönne ufbaut gha hän. Si hän is Gedichter uswendig lehre lo vom Hebel un vom Gerhard Jung oder churzi Szene spile. So hä mer au s Lese vo Dialekttext glehrt. Un au des isch eigentli ke Sach gsi. Mer hän eifach mit Augen un Ohre glese. So isch is notnoo e Gschpüür däfür gwachse, dass unse Dialekt nit nummen e Alltagsschprooch sii cha, sondern au e dichterischi Sprooch, eini für s kreativi Umgoh, fürs Sproocheschpil. Nit nummen e Herzensschprooch, nei, au e Sprooch für de Chopf, für s Denke, für s Hirne. Un mer hän gschpürt, dass mer in re Region läbe, won e gmeinsami Sprooch Grenzen überwinde cha; hän agfange, uns für die gmeinsami Gschicht un Kultur z intressire.

Kernig gegen modern

Eine dritte, eine zeitliche Mauer entsteht, wenn man den Dialekt als Ausdruck einer älteren Sprachstufe anschaut und als authentisch, echt, kernig und so weiter gegen das durch Anglizismen und Jugendsprache verwässerte „modernistische“ Standarddeutsch setzt und wenn man den Dialekt museal behandelt, „Altalemannisch“ als wertvoller ansieht als „Neualemannisch“, wie es Jugendliche unbekümmert sprechen, die zum Beispiel für „Alte“ die rote Sprachlinie überschreiten, wenn sie statt „ich bi gsi“ „i war“ sagen. Das heißt, wenn die Bewahrer einer bestimmten Dialektzeitstufe negieren, dass der Dialekt nur überleben kann, wenn er sich wandelt, nur überleben kann, wenn er gesprochen wird, als Mundart, gerade von jungen Menschen, dann baut sich der Dialekt eine eigene unnötige Zeitmauer, über die er dann irgendwann selbst nicht mehr hinausschauen kann und in Vitrinen zwischen alten Handwerksgerätschaften und Sonntagstrachten landet.

Lasst uns unseren alemannischen Dialekt hochhalten. Gebrauchen wir ihn so oft wie möglich. Und stellen wir selbstverständlich auf andere Sprachvarianten um, wenn uns das Gegenüber nicht gut versteht. Schließlich: „Wir können – alles, auch Hochdeutsch.“ Markus Manfred Jung

ZUR PERSON:

Markus Manfred Jung (66) war bis 2018 Gymnasiallehrer in Schopfheim. Er ist Autor von Gedicht- und Prosabänden, Hörspielen, Theaterstücken und Organisator der Schopfheimer Mundart-Literaturwerkstatt.

LESETIPP:

Wenn i e Rebschtock wär, Drey-Verlag, 22 Euro


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