Markenzeichen Gesellenbrief

Mittwoch, 20.10.2021 um 08:32 Uhr

Anzeige BZ-Interview mit Vertretern der Kreishandwerkerschaft Freiburg zur Herbstfreisprechfeier

Zuletzt fand die Herbstfreisprechfeier 2019 in Präsenz statt. FOTO: KHW FREIBURG

Mittwoch, 20.10.2021 um 08:32 Uhr

Ganz großes Kino: Das ist die Freisprechfeier vor allem für die Junggesellinnen und Junggesellen, die rund drei Jahre lang gesägt, montiert, gebaut, gestrichen, geschnitten, genäht, gebacken, komplexe Maschinen bedient und das Gelernte mit einem Gesellenstück gekrönt haben. Am morgigen Donnerstag, 21. Oktober, werden sie feierlich freigesprochen. Michael Rauber und Bernhard Ritter von der Kreishandwerkerschaft Freiburg verraten im Gespräch mit Anita Fertl, was das ihnen persönlich und für das Handwerk bedeutet. 

BZ: Die Freisprechungsfeier ist ein alljährlich wiederkehrender Termin in Ihrem Kalender. Warum ist er trotzdem besonders?

Rauber: Im Kreislauf des Jahres sind für mich drei Veranstaltungen besonders wichtig: die Altmeisterfeier und die beiden Freisprechungen, bei der wir die jungen Gesellinnen und Gesellen ins Handwerk aufnehmen. In vielen Berufen ist man ohne eine Veranstaltung mit der Ausbildung fertig. Wir feiern unsere Lehrlinge mit einem offiziellen Abschluss und nehmen sie ins Handwerk auf – das hat für mich auch etwas mit Wertschätzung und Respekt zu tun, für das, was sie die drei Jahre über geleistet haben. Und wir wollen damit der Tatsache Ausdruck verleihen, dass wir uns über den Nachwuchs freuen.

BZ: Wen dürfen Sie für gewöhnlich zu diesem Anlass begrüßen?
   

Bernhard Ritter und Michael Rauber (re.) FOTO: ANITA FERTL
Bernhard Ritter und Michael Rauber (re.) FOTO: ANITA FERTL

Ritter: Bei der Freisprechungsfeier haben wir 600 Leute bei uns. Bei dieser Veranstaltung kommen nicht nur die Gewerke in den Austausch, sondern alle, die mit der Ausbildung zu tun haben. Das sind die Ausbilder der Betriebe, die Lehrer, die Mitglieder der Prüfungskommissionen. Es sind Bankenvertreter da, Innungskrankenkassenvertreter, Eltern und Junggesellen von 20 verschiedenen Gewerken.

BZ: Was schätzen Sie an der Feier?

Ritter: Für mich ist diese Freisprechungsfeier auch der Ausdruck, dass der Gesellenbrief noch etwas ganz Besonderes ist. Er ist ein Markenzeichen. Ich habe einen Bekannten, der in Neuseeland als Zweiradmechaniker gearbeitet hat. Den hätten sie dort gerne mit Handkuss dauerhaft beschäftigt – wer den Gesellenbrief hat, kann überall arbeiten, das ist halt was.

BZ: Was haben die Jugendlichen geleistet auf Ihrem Weg zum Gesellen?

Rauber: Anfangs ist es eine große Umstellung, acht Stunden lang zu arbeiten. Vor allen Dingen, sich an den Ablauf im Handwerk zu gewöhnen. Wir haben ein sehr gut funktionierendes duales System – die Zusammenarbeit zwischen Betrieben, Schule und Innung. So lernen sie sehr viel fachlich Neues. Aber es geht nicht nur um das Fachliche.

Ritter: Denn das Handwerk transportiert ein Wertebewusstsein, das nehmen wir für uns in Anspruch.

Rauber: Da geht es auch um die menschliche Entwicklung.

BZ: Zum Beispiel?

Rauber: Ich hatte einen Lehrling, der war in einem Heim für Schwererziehbare. Er hatte eine heftige Jugend mit Drogen, auf der Straße leben, Knast. Er hat bei mir ein Praktikum gemacht und dann eine Lehre. Heute hat er einen guten Beruf, Familie und Kinder. Er kommt immer noch bei uns vorbei und sagt, wenn er bei uns nicht solche Werte gelernt hätte wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit oder dass man sich auch mal durchbeißen muss und zielbewusst auf die Gesellenprüfung hinarbeiten, dann wäre er heute nicht da, wo er ist. Wir vermitteln den Jugendlichen ein breites Spektrum an Dingen, die fürs Leben wichtig sind – im besten Fall. Das geht natürlich auch nicht immer.

BZ: Welchen Beitrag haben die Ausbildungsbetriebe am Erfolg ihrer Gesellen?

Rauber: Sie sind verantwortlich für die Ausbildung. Wenn ein junger Mann, eine junge Frau anfängt, fangen sie bei Null an, dann liegt es am Betrieb, an den Mitarbeitern, sie fachlich auf den Weg zu bringen. Dazu kommt, wie bereits angesprochen, der menschliche Aspekt.

BZ: Wer unterstützt Jugendliche, die Probleme haben, sich einzufinden?

Rauber: Dafür gibt es in der Handwerkskammer Stellen, die als Vermittler, als Coach dienen zwischen Betrieb und Lehrling. Da schaut man, welches Problem es gibt und wie man es lösen kann.

BZ: Aktuell bilden Handwerker in Deutschland 28 Prozent aller Lehrlinge aus. Kommt das in der Öffentlichkeit an?

Ritter: Teilweise. Die Influencer in Sachen Ausbildung sind neben Freunden überwiegend die Lehrer und Eltern. Da ist es nicht angekommen. Eltern und Lehrer sollten sich überlegen, ob jemand, der auf der Schule nur Mittelmaß ist, drei Jahre lang mit relativ geringer Motivation Abitur macht oder ob er nicht besser die Karriere im Handwerk beginnt, wo er Wertschätzung erfährt und Selbstbestätigung bekommt.

BZ: Wie entwickeln sich nach dem Coronajahr 2020 die Ausbildungszahlen?

Ritter: In 2020 hatten wir einen coronabedingten Einbruch. Vor allem bei den Friseuren, die im Lockdown waren, und weniger ausgeprägt bei den Kfz-Mechatronikern, haben sich die Zahlen stark negativ entwickelt. Dieses Jahr sind wir wieder auf einem absoluten Normalzustand und bewegen uns auf stabilem Niveau.

Michael Rauber ist seit 2014 Kreishandwerksmeister und führt einen Raumausstatterbetrieb in Freiburg.
Bernhard Ritter ist seit 2016 Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Freiburg.
   


Weitere Artikel

Anzeige Freiburg
Von A wie Anlagenmechaniker bis Z wie Zimmerer: Insgesamt 201 Auszubildende der Kreishandwerkerschaft Freiburg haben ihren Abschluss gemacht und dürfen morgen ihren Gesellenbrief entgegennehmen.
Anzeige Freiburg
Philipp Hoch (21), innungsbester Zimmerer, mit 94,85 von 100 Punkten „Ich habe schon immer gerne mit Holz gearbeitet und auch als Kind schon viel selbst gebaut und gebastelt. Außerdem bin ich
Anzeige Freiburg
Auf diesen Termin haben die Prüflinge der Kreishandwerkerschaft Freiburg drei Jahre lang im besten Wortsinn hingearbeitet: Am Donnerstag, 21. Oktober, findet unter Einhaltung der